Karl Bacher wurde am 3. Mai 1859 geboren. Er war der Sohn des aus Hechingen (Hohenzollern) stammenden Juden Max Bacher (1827–1902) und der aus Mainz stammenden Sophia Bacher, geb. Strauß. Er hatte eine ältere Schwester, Emilie Goldschmidt (1857–1942), geborene Bacher. Die Familie lebte in der Buchgasse 18, und ab 1866 im Oeder Weg 58 in Frankfurt am Main. Vater Max war Mitinhaber der Firma „P. A. Walther“, eines 1845 gegründeten Geschäfts für Teppiche und Möbelstoffe mit Sitz in der Straße Neue Kräme 27. Laut Frankfurter Adressbuch des Jahres 1863 führte die Firma auch Manufakturwaren. Das Adressbuch des Jahres 1886 nennt Kaufmann als Beruf des Vaters und listet ihn mit der Adresse Eschersheimer Landstraße 6, also nicht weit weg vom Oeder Weg.
Karl Bacher war seit Mai 1889 mit der im Jahr 1866 in London geborenen Eveline Jeanette (auch Joannette) Friedmann verheiratet. Das Ehepaar lebte in der Königsteiner Straße 23, später umbenannt in Freiherr-vom-Stein-Straße. Laut geni.com hatten sie zwei Kinder: die 1890 geborene Elisabeth Bacher, verheiratete Goldschmidt, und die 1891 geborene Klara Sophie, verheiratete Ewald. Tatsächlich gab es auch den im Juli 1900 in Frankfurt geborenen Sohn Otto Bacher. Dieser wohnte – gemäß seiner Nennung in den Adressbüchern – mindestens seit 1925 auch in der Königsteiner Straße/Freiherr-vom-Stein-Straße 23 und hatte dieselbe Telefonnummer wie sein Vater. Dr. Otto Bacher war mit Sofie Heusser, verheiratet. Er wurde mit einer Arbeit über die Frankfurter Oper im 18. Jahrhundert an der Universität Frankfurt am Main promoviert. Seit 1933 wohnte in demselben Haus auch Karl Bachers früh verwitwete Schwester Emilie Goldschmidt.
Karl Bacher übernahm die Teppichspezialhandlung „P. A. Walther“ als Inhaber von seinem Vater, und auch Dr. Otto Bacher war spätestens seit 1930 Mitinhaber des Geschäfts, das in die Kaiserstraße 5a umgezogen war. Neben seiner Mitgliedschaft in der Sektion Frankfurt am Main des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins war Karl beispielsweise auch jahrzehntelang Mitglied im Mitteldeutschen Kunstgewerbe-Verein. Er wurde spätestens 1903 in den Vorstand dieses Vereins gewählt. Bacher war insbesondere als ausgewiesener Kenner chinesischer Keramik bekannt, von der er eine bedeutende Sammlung besaß. Mit Hunderten Leihgaben und durch sein Expertenwissen in diesem Bereich unterstützte er zum Beispiel die erste größere Sonderausstellung in Deutschland zu „Chinesischer Keramik“, die das Frankfurter Kunstgewerbemuseum im Jahr 1923 präsentierte. Im Übrigen war er Mitglied der Gesellschaft für Ostasiatische Kunst Berlin und somit Teil eines globalen Netzwerks an Expertinnen und Experten, Händlerinnen und Händlern sowie Sammlerinnen und Sammlern. Anfang Dezember 1932 trennte sich Karl Bacher im Alter von 73 von seiner Asiatika-Sammlung. Aus dieser Auktion einer „der besten deutschen Privatsammlungen ostasiatischer Kunst“ (Adolf Feulner) stammen heute zahlreiche Keramiken im Bestand des Museum Angewandte Kunst in Frankfurt am Main.
Karl Bacher ist laut Mitgliederverzeichnis von 1925 der Sektion Frankfurt am Main des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins im Jahr 1904 beigetreten. Im Jahresbericht für 1905 wird er mit dem Vornamen "Carl" aufgeführt. Auf der Jahreshauptversammlung der Frankfurter Sektion im März 1929 berichtete der stellvertretende Schriftführer Wilhelm Schneider, dass Karl Bacher, wohnhaft Kaiserstraße 5a, seine 25 Jahre Mitgliedschaft im Alpenverein vollendet hat. Hierüber berichtete das Nachrichten-Blatt der Sektion vom März 1929. Somit ist er der Sektion über den Ersten Weltkrieg, Revolution und Inflation treu geblieben. Allerdings liegen uns zurzeit keine Unterlagen über Aktivitäten von Karl Bacher innerhalb der Sektion vor.
Zurzeit wissen wir nicht, ob Karl Bacher 1933 aus der Frankfurter Sektion ausgetreten ist. Als Mitglied aus der Zeit vor 1914 betraf ihn der neu eingeführte sogenannte „Arierparagraf“ nicht, sodass ein Ausschluss aus der Sektion unwahrscheinlich ist – konnten doch auch andere jüdische Mitglieder, die ebenfalls vor 1914 der Sektion beigetreten waren, mindestens bis in die zweite Hälfte der 1930er Jahre Mitglied bleiben, so etwa Alfred Carlebach und Artur Marum.
Ende Mai 1933 legten Karl Bacher, Alfred Oppenheim (1873–1953) und Robert von Hirsch (1883–1977) als Reaktion auf die bis zu diesem Zeitpunkt erlassenen antisemitischen Gesetze der Nationalsozialisten ihre Ämter als Schriftführer des Mitteldeutschen Kunstgewerbe-Vereins nieder. Erst im Februar 1938 sah sich Karl Bacher gezwungen, aus dem Kunstgewerbeverein auszutreten. In besonderem Maße hatte die nationalsozialistische Repression für ihn seit diesem Jahr und in der Folgezeit existenzielle Konsequenzen. Spätestens im Juli 1939 gab er, schon seit 1934 verwitwet, seinen langjährigen Wohnort, die Freiherr vom Stein-Straße 23, auf und bezog eine Wohnung in der Neuhaußstraße 3 im Frankfurter Nordend. Im Alter von 83 Jahren musste Karl Bacher am 1. Februar 1942 schließlich zusammen mit seiner Schwester Emilie Goldschmidt in die „Pension Hoffmann“ in der Eschersheimer Landstraße 39 umziehen. Hinter dieser Adresse verbarg sich eines der über 300 Frankfurter „Judenhäuser“, auch „Ghettohäuser“ genannt, in dem die Gestapo als Juden Verfolgte wie Karl und Emilie zwangsweise versammelte. Wenige Monate später standen die Namen der Geschwister unter den Nummern 26 und 188 auf der Liste des ersten sogenannten Alterstransports XII/1 aus Frankfurt am Main, der am 18. August 1942 in Zug „Da 503“ mehr als 1.000 Menschen in das sogenannte Ghetto Theresienstadt nördlich von Prag ins deutsch besetzte Böhmen deportierte. Tatsächlich wurde Karl aber nicht verschleppt, vermutlich weil er bereits im Sterben lag. Er verstarb kurz darauf, am 20. August 1942, an den Folgen einer Schlagaderverkalkung und Lungenentzündung in dem seit 1939 „arisierten“ Krankenhaus der Frankfurter Israelitischen Gemeinde in der Gagernstraße 36. Am 24. August 1942 wurde Karl Bacher schließlich in Frankfurt am Main beerdigt, ebenfalls auf dem Jüdischen Friedhof an der Rat-Beil-Straße. Auch seine Schwester Emilie Goldschmidt überlebte die Shoah nicht. Als Häftling des Konzentrationslagers in Theresienstadt starb sie am 5. September 1942 in Folge der dortigen unmenschlichen Lagerbedingungen.
Karl Bachers Ehefrau Eveline verstarb bereits am 12. Juni 1934 in Frankfurt am Main und wurde auf dem dortigen Jüdischen Friedhof an der Rat-Beil-Straße beerdigt. Ihr Tod wurde im Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main in der Ausgabe vom Juli 1934 auf S. 445 bekannt gegeben. Dies zeigt die Verbundenheit Bachers mit der Jüdischen Gemeinde auch während der NS-Diktatur.
Dem Sohn Dr. Otto Bacher gelang die Flucht ins Exil, Wahrscheinlich im Jahr 1938. Zwanzig Jahre später lebte er in Mailand (Italien).
Die Tochter Elisabeth konnte zusammen mit ihrem 1887 in Frankfurt am Main geborenen zweiten Ehemann Robert Eugen Goldschmidt, einem Bankier und Mitinhaber von S. & H. Goldschmidt in der Guiollettstraße 18, nach Großbritannien auswandern. Ihr Ehemann war im Zuge der Novemberpogrome aus Frankfurt am Main in das Konzentrationslager Buchenwald verschleppt und am 9. Dezember 1938 dort wieder entlassen worden. Im September 1939 lebten beide in Hammersmith (London).
Dank
Wir danken der Frankfurter Kunsthistorikerin und Provenienzforscherin Katharina Weiler für die Biografie von Karl Bacher, die wir nur an wenigen Stellen ergänzt haben.
Quellen und Literatur
Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, HHStAW Bestand 519/3, Nr. 1322; Bestand 676, Nr. 2578 und 7327.
Universitätsarchiv Frankfurt am Main, UAF Bestand 136, Nr. 163 sowie Bestand 604, Nr. 7622.
Gesellschaft für Ostasiatische Kunst Berlin: Viertes Mitgliederverzeichnis, abgeschlossen am 1. Oktober 1929.
Stolperstein für Karl Bacher und Emilie Goldschmidt
Ausstellung chinesischer Keramik aus Frankfurter und auswärtigem Privat- und Museumsbesitz, vom Juni bis September 1923. Ausstellungskatalog des Kunstgewerbemuseums Frankfurt am Main. Frankfurt am Main 1923.
Robert Schmidt (Hrsg.): Chinesische Keramik von der Han-Zeit bis zum XIX. Jahrhundert. Herausgegeben unter Mitarbeit von Alfred Oppenheim und Karl Bacher. Frankfurt am Main 1924, online abrufbar
Hugo Helbing: Sammlung Karl Bacher, Frankfurt am Main: Versteigerung 7. und 8. Dezember 1932. Frankfurt am Main 1932, online abrufbar
Thomas Bauer: „Mit lebhaftem Bedauern und aufrichtigem Dank“ – Der Mitteldeutsche Kunstgewerbe-Verein in der Zeit des Nationalsozialismus“. Frankfurt am Main 2016, online abrufbar
Katharina Weiler: Durch Raum und Zeit. Objektbiographien aus der Sammlung Cords. In: Kulturgüter, Provenienzen und Restitution. Objektgeschichten aus Frankfurter Museen, Sammlungen und Bibliotheken, hrsg. von Franziska Kiermeier, Maike Brüggen und Evelyn Brockhoff. Frankfurt am Main 2023, S. 67-81.
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