Familie
Geburtsurkunde für Lotte Klementine Lion, vom 10. Januar 1919, ausgestellt vom Standesamt der Stadt Frankfurt am Main.

Paul Ludwig Lion wurde am 13. Juni 1870 in Mannheim geboren. Er war der Sohn des ebenfalls in Mannheim geborenen Kaufmanns Heinrich Lion (1841-1918) und der in Frankfurt am Main geborenen Clementine Lion, geb. Maas (1840-1909), und hatte eine ebenfalls in Mannheim geborene ältere Schwester: Auguste Franziska, verheiratete Hopf (1869-1939). Die Familie Lion wohnte Laut Mannheimer Adressbuch von 1870 in Mannheim in Nr. 1 von O.5, genauso wie Pauls Großvater, der Handelsmann Ludwig Lion. Unter dieser Adresse findet sich sein Vater Heinrich Lion auch in späteren Mannheimer Adress-Kalendern, etwa in denjenigen von 1875 und letztmalig 1880, sodass die Familie erst 1881 nach Frankfurt am Main gezogen sein wird. Denn sein Vater betrieb in dieser Stadt seit 1881 die Firma "Gebrüder Maas", die sich damals am Rossmarkt 10 befand und neben Heinrich Lion auch Heinrich Maas, wohnhaft in Berlin, gehörte. Die Familie von Heinrich Lion wohnte zu dieser Zeit im Mittelweg 49 und damit im Frankfurter Nordend. Laut Frankfurter Adressbuch des Jahres 1885 befand sich diese Fabrik für Wollgarne und Buntstickereien nunmehr in der Gutleutstraße 7. Sie gehörte jetzt Heinrich Lion allein und hatte als Prokuristen Josef Winnen sowie als kollektiv zeichnungsfähige Prokuristen Friedrich Hauff und Moritz Hecht.

1906 lebte die Familie Lion in der Eschersheimer Landstraße 39. Und hier blieb sie bis 1941, also über den Tod von Paul Lion hinaus. Er ist stets als Fabrikant für Tapisseriewaren tätig gewesen und hat seine Erfahrung als Kaufmann bis zu seinem Tod in die Arbeit der Beratungsstelle des Hilfsvereins der Juden in Frankfurt am Main eingebracht.

Im Mai 1905 heiratete Paul Lion in Nürnberg die dort im September 1879 geborene Henrietta Jetta, genannt Jettchen, Lang. Sie war ebenfalls jüdisch und Tochter des 1837 in Pretzfeld (Lkr. Ebermannstadt, Bayern) geborenen Ignatz Lang und der 1847 in Floss (Lkr. Neustadt an der Waldnaab, Bayern) geborenen Sabine Reichenberger. Beide hatten zwei Kinder: den im Februar 1906 in Frankfurt am Main geborenen Sohn Ernst Lion und die im Januar 1919 in Frankfurt am Main geborene Tochter Lotte Klementine (auch: Clementine) Lion. Ernst Lion erwarb 1925 sein Abitur auf der Frankfurter Musterschule und trat im Juli 1929 in die väterliche Firma ein. Lotte Lion ging ab 1929 auf die Elisabethenschule.

Beruflicher Werdegang

Paul Ludwig Lion ist in den Frankfurter Adressbüchern seit 1899 nachgewiesen: Damals wohnte er in der Sternstraße 21 (im Frankfurter Nordend) und war als Kaufmann tätig. Zusammen mit seinem Vater Heinrich Lion und Josef Winnen betrieb er zu diesem Zeitpunkt die 1824 gegründete Tapisserie-Waren-Fabrik "Gebr. Maas" in der Windmühlstraße 3. In Unterlagen des Hessischen Hauptstaatsarchivs Wiesbanden ist jedoch vermerkt, dass Paul Lion 1890 zusammen mit dem Kaufmann Josef Winnen die OHG "Tapisseriewarenfabrik Gebr. Maas Nachf. Lion, Winnen & Co" gegründet hat. Folglich scheint die Umbenennung der Firma 1890 erfolgt zu sein, als er noch in Mannheim lebte. Ende des 19. Jahrhunderts waren Friedrich Hauff und Moritz Hecht "collectiv" zeichnungsberechtigte Prokuristen der Fabrik. Bei den Gebrüdern Maas handelt es sich um Verwandte mütterlicherseits. Die Fabrik "Gebr. Maas Nachf. Lion, Winnen & Co." hatte später ihren Sitz in der Königstraße 48, heute Gräfstraße 48 (in Bockenheim).

1930 waren nur Paul Lion und Walter Janietz die persönlich haftbaren Gesellschafter dieser Firma. Doch nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten drängte Walter Janietz, der zuvor als Prokurist und ab 1919 als Gesellschafter tätig war, seinen Geschäftspartner Paul Lion aus dem Unternehmen, das er nach dieser sogenannten "Arisierung",  also der Verdrängung des jüdischen Gesellschafters, im Januar 1935 alleine weiterbetrieb. Seine Ehefrau Frieda Janietz wurde später Mitinhaberin, seine Tochter Erika, wohnhaft in Salmünster, Prokuristin. Nach 1945 führte Walter Janietz die Firma unter dem Namen "Textilwerk Walter Janietz Liwico-Garne", wobei Liwico auf den früheren Namensteil "Lion, Winnen & Co" zurückgeht.

Akten im Hauptstaatsarchiv Wiesbaden zeigen, dass die Firma von Paul Lion in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre Tarifstreitigkeiten mit dem Verband der Fabrikarbeiter Deutschlands führte. Letztere forderten höhere Löhne, zum Beispiel die Steigerung des Stundenlohnes für Fabrikarbeiterinnen über 20 Jahre von 53 Pfennig pro Stunde auf 55 Pfennig (1927) und anschließend auf 56 Pfennig (1928). Hier wurde jeweils ein Schlichtungsverfahren durch den Schlichter für den Bezirk Hessen-Nassau in Hanau nötig. Diese Verfahren zeigen auch, dass in der Tapisseriewarenfabrik Arbeiterinnen ab 14 Jahren beschäftigt waren, also Mädchen, die nach der achtjährigen Schulpflicht direkt anfingen zu arbeiten. In der Weltwirtschaftskrise sank der Lohn für die über 20-jährigen Fabrikarbeiterinnen auf 52 Pfennig – und für die 14 bis 16 Jahre alten Arbeiterinnen von 30 auf nur noch 27 Pfennig! Ursache hierfür war, wie es in einem Schreiben der Firma Lion, Winnen und Co. Gebr. Maas Nachf. vom 29. Januar 1931 heißt, dass die Firma "seit Jahren mit Unterbilanz arbeitet", also Verluste erleidet, und deshalb bereits einen Teil der Produktion nach Salmünster verlagert hatte, weil dort niedrigere Löhne gezahlt wurden.

Paul Lion war ein erfolgreicher Fabrikbetreiber, der englische Rohbaumwolle importierte und dann seine Tapisserieerzeugnisse zu drei Vierteln in Deutschland verkaufte und zu einem Viertel ins Ausland exportierte, etwa nach Frankreich, Italien, die Niederlande, ins britische Mandatsgebiet Palästina, Ungarn und Südamerika. 1933 hatte die Firma 38 Angestellte, 74 Arbeiter:innen und 3 Lehrlinge. Der Umsatz betrug 1,7 Millionen RM. Außerdem war er seit 1931 Hauptaktionär (75 Prozent) der Firma J. H. Pelet in Basel (Schweiz). Dieses Unternehmen war bereits 1899 gegründet, aber erst 1931 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt worden.

Rolle in der Sektion

Paul Ludwig Lion ist 1914 der Sektion Frankfurt am Main des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins beigetreten. Da er im Verzeichnis der Sektionsmitglieder von 1925 mit noch diesem Beitrittsjahr vermerkt ist, blieb er über den Ersten Weltkrieg und die Nachkriegswirren der Frankfurter Sektion treu. In welcher Weise er am Sektionsleben teilgenommen hat, entzieht sich zurzeit unserer Kenntnis. Aus Unterlagen im Hessischen Staatsarchiv wissen wir jedoch, dass Paul Lion noch im Frühjahr 1938 in den Schweizer Kanton Tessin reiste und im Juni 1938, kurz vor seinem Tod, den Feldberg bestieg. Zudem können wir derzeit aufgrund fehlender Quellen nicht sagen, ob er nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 aus der Sektion Frankfurt am Main ausgetreten ist oder als Jude ausgeschlossen wurde.

Verfolgungsschicksal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main, Nr. 11 vom August 1938, S. 22 (Ausschnitt)

Paul Lion starb an den Folgen einer Krebserkrankung am 7. Juli 1938 in Frankfurt am Main. Seine enge Verbundenheit mit der Jüdischen Gemeinde auch in der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur wird daran ersichtlich, dass das Gemeindeblatt der Israelitischen Kultusgemeinde Frankfurt am Main im August 1938 einen kurzen Nachruf auf ihn veröffentlichte.

Seine Ehefrau Henrietta Jette Lion lebte mit der Tochter Lotte ab Juli 1941 im Oederweg 11. Nach einer Haft Ende 1941 im Untersuchungsgefängnis/Schutzhaft-Gefängnis in der Starkestraße wohnte sie vorübergehend in der Pension Nussbaum in der Liebigstraße 27b und nach einer erneuten Haft im April 1942, nunmehr im Frankfurter Polizeigefängnis, im Jüdischen Krankenhaus in der Gagernstraße 36. Dieses Krankenhaus war eines der Orte, an denen sich Juden vor ihrer Deportation in die Vernichtungslager zwangsweise aufhalten mussten. Von hier wurde sie im Juli 1942 aus Frankfurt deportiert, doch nennt das vom Bundesarchiv herausgegebene Gedenkbuch keinen Zielort. Laut geni.com wurde Henrietta Jette Lion im Jahr 1943 in Auschwitz ermordet.

Die Tochter Lotte durfte als Jüdin auf der Elisabethenschule kein Abitur mehr machen und musste daher im Herbst 1936 von der Schule gehen. Stattdessen machte sie eine Ausbildung zur Reklame- und Modezeichnerin und bildete sich als Reklamefotografin weiter. Ihre Auswanderungspläne zerschlugen sich jedoch. Laut Gedenkbuch des Bundesarchivs ist Lotte Lion ebenfalls im Jahr 1942 aus Frankfurt am Main an einen ungenannten Ort deportiert worden. Auch hier verweist geni.com darauf, dass sie 1943 in Auschwitz ermordet worden ist.

Der Sohn Ernst Lion ging bereits im September 1933 nach Basel, um dort für die J. H. Pelet AG zu arbeiten. Er erhielt eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis in der Schweiz. Doch Walter Janietz verklagte Ernst Lion, der als Alleinerbe seines verstorbenen Vaters eingesetzt war und damit Anteile an der Firma behielt, auf Schadenersatz von 204.000 RM samt Zinsen und erhielt diesen Anspruch von einem deutschen Gericht zugesprochen, sodass Ernst Lions Anteil auf diese Weise um zwei Drittel verkleinert wurde. Die von ihm ebenfalls zu erbringende besondere Abgabe auf inländisches Vermögen, die sogenannte "Judenvermögensabgabe", führte dazu, dass ihm auch die restlichen Anteile an der Firma von über 130.000 RM entzogen wurden.

Ernst Lion siedelte nach Frankreich über und wurde Anfang 1940 von den französischen Behörden als feindlicher Ausländer im Lager Recebedou interniert. 1941 floh er aus dem Lager nach Spanien und wanderte schließlich im September 1941 nach Havanna (Kuba) aus. Dort nannte er sich Ernesto Lion und erhielt 1948 die kubanische Staatsbürgerschaft. In den 1950er Jahren hielt er sich in Frankfurt am Main auf, um seinen Rechtsanspruch auf das Erbe seiner Eltern durchzusetzen, und wohnte dabei in der Dominikanergasse 14. Der ehemalige Geschäftspartner des Vaters, der die "Arisierung" betrieben hatte, versuchte diese Rechtsansprüche zu verhindern. Schließlich erhielt Ernst Lion 1955 das Grundstück in der Gräfstraße zurück und zudem zwei Jahre später eine Entschädigung. Infolge der kubanischen Revolution wurden er und seine Frau zur Flucht gezwungen. Sie emigrierten im August 1959 nach Florida (USA). Seine Frau nahm 1965 die deutsche Staatsangehörigkeit an. Seit dem Jahr 1961 hatten beide einen zweiten Wohnsitz in Frankfurt am Main, wo Ernesto Lion schließlich am 22. Oktober 1978 verstarb.

Quellen und Literatur

Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, HHStAW 518 Nr. 22.500; 519/3 Nr. 16.710 und 24.502; 2031 Nr. 199 sowie 2031/1 Nr. 41 und 184

Stolpersteine für Paul, Jette, Ernst und Lotte Lion

Paul Ludwig Lion auf geni.com

Adressbücher für Frankfurt am Main, online abrufbar

Bericht der Sektion Frankfurt a. M. des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins e.V. 1914. Frankfurt a. M. 1915, online abrufbar

Bericht der Sektion Frankfurt a. M. des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins e.V. 1919-1924. Frankfurt am Main 1925, online abrufbar