„Mein Vater sprach sehr wenig über seine Eltern. Ich denke, es widerstrebte ihm. Ich wusste kaum mehr, als dass sie in einem Konzentrationslager starben.“
Steve Brock, USA
Enkel des ermordeten Eugen Cahen-Brach
2021
Kindheit, Familie, Beruf

Eugen Cahen-Brach hatte jüdische Eltern und kam am 25. März 1863 in Saarlouis zur Welt, als Eugen Ernst Cahen. Sein Vater war der Kaufmann Aaron Max Cahen, seine Mutter war Aline geb. Brach. 1896 heiratete Eugen Cahen die 1872 geborene Alice Susanna Bing. Sie bekamen drei Söhne: die Zwillinge Fritz und Hans (geb. 1897) sowie Ernst (geb. 1903). Ab 1921 trug die Familie den Nachnamen Cahen-Brach.

Der junge Eugen Cahen besuchte das Städtische Gymnasium in Frankfurt am Main und studierte in Heidelberg, München und Würzburg. Approbiert wurde er 1887 und machte ab 1889 eine Weiterbildung zum Kinderarzt. Als solcher ließ er sich 1891 in Frankfurt nieder. Er war ein sehr engagierter Mediziner: Spätestens ab 1901 gehörte er zum Vorstand der Armenklinik und baute deren  Säuglingsberatungsstelle für den Frankfurter Stadtteil Bornheim auf. Auch während des Ersten Weltkriegs hat er sich besonders für die Armenklinik und die Säuglingsfürsorge eingesetzt. Von 1915 bis 1922 leitete er das Dr. Christ’sche Kinderhospital und Ambulatorium in Sachsenhausen. Er war auch in diversen Fachvereinigungen aktiv: So gehörte er zum Ärztlichen Verein, war Mitgründer der Südwestdeutschen Sektion der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde und publizierte wiederholt über Kinderkrankheiten. Seine Frau engagierte sich ehrenamtlich in der Armenfürsorge, etwa in einem Heim des Jüdischen Frauenbunds in Neu-Isenburg.

In Frankfurt wohnte die Familie über viele Jahre in der Liebigstraße 40, dann auch in anderen Wohnungen in dieser Straße. Die Cahen-Brachs waren begütert, Alice Cahen-Brach stammte aus einer Familie mit einer berühmten Porzellanhandlung. Auch dies machte die Familie zur Zielscheibe des NS-Rassenhasses.

Im Alpenverein
Eugen Cahen-Brach (Mitte) mit seinen Söhnen Ernst (links) und Fritz beim Wandern an einem Bergsee. Wohl kurz dem Ersten Weltkrieg.
In den Bergen unterwegs: Eugen Cahen-Brach (Mitte) mit den Söhnen Ernst (l.) und Fritz, wohl kurz vor dem Ersten Weltkrieg. Quelle: Steve Brock

Eugen Cahen-Brach trat schon 1893 der damals noch jungen Frankfurter Sektion des Deutschen Alpenvereins bei, kurz nachdem er sich als Kinderarzt in Frankfurt niedergelassen hatte. Die Sektion hatte zu der Zeit erst gut 250 Mitglieder. Von seinem Enkel Steve Brock wissen wir, dass er mit seiner Familie viel wanderte und gern in den Bergen war. Gut möglich, dass die Cahen-Brachs häufiger an Wanderungen und Ausflugsfahrten der Sektion teilnahmen, auch wenn uns dazu keine Zeugnisse vorliegen. Auch die Nachfahren in den USA haben leider keine Informationen hierzu. Wir wissen, dass er mindestens bis 1925 Mitglied war, wahrscheinlich länger. Dokumente, die seinen Austritt oder Ausschluss aus dem Verein nach 1933 belegen, gibt es nicht. Die 1934 eingeführte Arierbestimmung beinhaltete auch, dass jüdische Mitglieder, die vor 1914 eingetreten waren, nicht vom Ausschluss betroffen waren. Angesichts der schnellen Gleichschaltung des Vereins ab 1933 und der wachsenden Durchsetzung der Gruppen mit nationalsozialistischem Gedankengut dürfte eine weitere Teilnahme an Sektionsveranstaltungen aber immer schwieriger und wohl bald unmöglich geworden sein, wenn sie denn gewünscht war.

Verfolgung und Tod
1941 erklärt Eugen Cahen-Brach dem Finanzamt Frankfurt, dass er nicht emigrieren kann.
1941 erklärt Eugen Cahen-Brach dem Finanzamt Frankfurt, dass er nicht emigrieren kann. Quelle: Hessisches Hauptstaatsarchiv

Der angesehene und engagierte Sanitätsrat Dr. Eugen Cahen-Brach wurde ab 1933 immer mehr zum Ziel massiver antisemitischer Diffamierungen und verlor in wenigen Jahren seine berufliche Existenz. Seine Praxis war mehrfach Boykottaufrufen ausgesetzt und dürfte viele Patient*innen verloren haben. Ab 1935 gingen seine Umsätze so stark zurück, dass die Familie von Ersparnissen leben musste. Er wurde von seinen Ämtern in medizinischen Fachvereinigungen ausgeschlossen und musste seine Praxis schließlich 1937 im Alter von 74 Jahren aufgeben. 1938 verlor er, wie alle jüdischen Ärztinnen und Ärzte in NS-Deutschland, seine Approbation.

Spätestens für 1939 ist belegt, dass das Ehepaar Cahen-Brach auswandern wollte, das geht aus einer entsprechenden Erklärung gegenüber dem Finanzamt hervor. Ab Ende 1939 unterlag sein Vermögen einer „Sicherheitsanordnung“ der Devisenstelle und war damit, bis auf einen monatlichen Betrag von wenigen hundert Reichsmark, seiner Verfügung entzogen. Die Cahen-Brachs wurden außerdem gezwungen, einen „Heimeinkaufvertrag“ über 25.700 Reichsmark abzuschließen. Dahinter verbarg sich die Fiktion eines sicheren Platzes in einem Altersheim. Im Januar 1940 schrieb er dem Finanzamt, dass er und seine Frau nun baldmöglichst auswandern wollen und sie nur noch „auf den Aufruf unserer USA-Nummer“ warten. Doch die Hoffnung zerschlug sich - eventuell, weil die USA beide nicht mehr einreisen ließen? 1941 bestätigte er den NS-Behörden, dass er keine Möglichkeit zur Flucht habe (s. Foto oben). Die letzte Chance, Deportation und Ermordung zu entgehen, hatte sich zerschlagen.

Ab dem 19. September 1941 mussten auch Eugen Cahen-Brach und seine Frau den sogenannten „Judenstern“ tragen. Zuletzt mussten sie in einem der überfüllten Frankfurter „Judenhäuser“ wohnen: die letzte Phase vor der Deportation. Im August 1942 wurde das Paar ins Ghetto Theresienstadt verschleppt. Alice Cahen-Brach starb dort bereits am 26. November (laut Todesmeldung an „Gesichtsphlegmone“) und Eugen Cahen-Brach am 9. Dezember desselben Jahres. Schon am 9. September 1942 wurde per Verfügung das Vermögen des Ehepaares zu Gunsten des Deutschen Reiches eingezogen und „verwertet“.

Überlebende und Nachfahren
Familientreffen 1968: Kate (Käthe) Brock, Trish (Frau von Steve), Steve Brock, eine Unbekannte und Fred Brock (v.lks).
Familientreffen 1968: Kate (Käthe) Brock, Trish (Frau von Steve), Steve Brock, eine Unbekannte und Fred Brock (v.lks). Quelle: Eintracht Frankfurt Museum

Auch die drei Söhne der Cahen-Brachs wurden als Juden verfolgt. Nur zwei von ihnen haben die NS-Zeit überlebt.

Fritz Cahen-Brach, wie sein Vater Kinderarzt, gelang mit seiner Frau Katharina um die Jahreswende 1938/39 die Flucht in die USA, wo er den Namen Fred Brock annahm. Er war in den 1920ern Tennisspieler der Frankfurter Eintracht gewesen und später Obmann der Boxabteilung, bevor er seine Ehrenämter mit der NS-Machtergreifung 1933 verlor. Seine Praxis wurde ab 1933 zunehmend boykottiert.

In den USA erhielt Fred Brock Ende 1940 nach Überwindung einiger Hürden eine Zulassung als Arzt und ließ sich in Burbank nieder. 1943 wurde sein Sohn Steve geboren. Fred Brock starb 1989 in Kalifornien. Der Verein Eintracht Frankfurt hat für ihn einen „Stolperstein“ in der Friedberger Landstraße 77 in Frankfurt gestiftet.

Aufgrund der gemeinsamen Frankfurter Wurzeln gibt es eine Verbindung zwischen Fred Brock und dem Schicksal unseres verfolgten Sektionsmitgliedes Ernst Meissinger und seiner Nachfahren: Brock wurde in den USA Patenonkel einer Nichte Meissingers, Joyce Arnon. Mehr dazu in der Beschreibung zu Ernst Meissinger.

Hans Cahen-Brach, der Zwillingsbruder von Fritz, flüchtete ins französische Exil. Er hat womöglich vergeblich versucht, ebenfalls ein Visum für die USA zu bekommen. In Frankreich wurde ihm die Besetzung durch Deutschland zum Verhängnis: Zunächst wurde er im Internierungslager Drancy festgesetzt und im März 1943 ins Vernichtungslager Majdanek verschleppt, wo er wahrscheinlich ermordet wurde. Sein Name findet sich heute auf der "Mur de Noms" (Wand der Namen) im Memorial de la Shoah in Paris, das an die ermordeten und deportierten Juden aus Frankreich erinnert und die Geschichte der Juden und Jüdinnen in Frankreich dokumentiert (s. Bilderstrecke unten).

Ernst Cahen-Brach, der jüngste der drei Brüder, konnte ebenfalls fliehen, erlebte aber vorher noch den Schrecken des Konzentrationslagers Sachsenhausen. Er wurde im Rahmen der sogenannten „Juniaktion“ 1938 verhaftet, wie damals etwa 1500 weitere jüdische Männer im Reich. Es gibt Hinweise, wonach er im KZ misshandelt und gefoltert wurde. Am 2. August 1938 wurde er von dort überführt, wohin, ist uns bisher nicht bekannt. Er konnte kurz danach über Großbritannien in die USA auswandern und traf am 22. Dezember 1938 in New York ein. Er starb 1993 in Philadelphia, Pennsylvannia.

Im Jahr 1950 stellten die überlebenden Söhne Fritz/Fred und Ernst einen Entschädigungsantrag. In den von Fred Brock verfassten Eidesstattlichen Erklärungen (s. Bilderstrecke unten) wird deutlich, wie massiv sein Zwiillingsbruder Hans und die Eltern unter Ausgrenzung und Verfolgung gelitten hatten. Es dauerte bis Anfang der 60er Jahre, bis die deutschen Behörden der Familie Wiedergutmachungszahlungen leisteten.

Steve Brock, Enkel von Eugen Cahen-Brach und Sohn von Fred Brock, wurde in den USA in den 1940er Jahren geboren. Im Laufe unserer Recherchen ist es uns gelungen, Kontakt zu ihm zu knüpfen. Steve, heute fast 80 Jahre alt, hat mit Fotos und Informationen weitergeholfen. Im Gegenzug haben wir ihm diverse Dokumente über seinen Großvater zukommen lassen, die er bis dahin nicht kannte. Unser Projekt bewegt Steve sehr:

"Im Allgemeinen sprach mein Vater sehr wenig über seine Eltern. Ich denke, es widerstrebte ihm. Ich wusste nur, dass seine Eltern in einem Konzentrationslager starben, aber nicht viel mehr. Auch meine Cousinen, die noch heute in Frankfurt leben, wussten nicht viel. Sie wurden während und nach dem Krieg geboren. Ich wusste immerhin, dass mein Großvater ein sehr erfolgreicher Kinderarzt war und half, ein Krankenhaus in Frankfurt zu gründen. Es wurde auch erzählt, dass er ein anspruchsvoller Esser war – so soll er wohl nie mit den Fingern gegessen haben, und ich habe mich als Kind immer gefragt, wie er Brot oder Brötchen aß. Der Nazi-Einfluss auf unsere Familie wurde aber immer nur am Rande erwähnt. Ich erfuhr zum Beispiel, dass mein Onkel Ernest in den 30er Jahren in einem Konzentrationslager war und dass auch mein anderer Onkel Hans bei einem Fluchtversuch in Frankreich getötet worden war. Aber ich habe mich immer gefragt, warum mein Vater seine Eltern wohl nicht mitgenommen hat und warum auch sein Zwillingsbruder nicht gegangen ist (obwohl er damals in Paris lebte und sich wahrscheinlich in Sicherheit dachte). Dass mein Großvater so lange Mitglied im Alpenverein gewesen ist, das war mir bisher nicht bekannt. Herzlichen Dank für Ihre Informationen!"