Familie
Paul Spiro, aufgenommen 1935 in der Schweiz. Wir danken Martha Krieter-Spiro herzlich für die Erlaubnis zur Veröffentlichung dieses Fotos.

Paul Spiro wurde am 15. Oktober 1892 in Leipzig als Sohn des Universitätsprofessors Karl Spiro (1867-1932) und seiner Ehefrau Therese (Rosalie), geb. Barschall, geboren. Sein Vater hat Naturwissenschaften (vor allem Chemie) und Medizin studiert und habilitierte sich 1897 an der Universität Straßburg im Elsaß für "Physiologische Chemie". Am 22. April 1894 wurde der Bruder Hans Peter Spiro in Berlin geboren. Paul Spiros Eltern entstammten jüdischen Familien, doch war er selbst evangelisch getauft.

Karl Spiro lehrte an der Universität Straßburg zuerst ab 1897 als Privatdozent und später ab 1912 als Honorarprofessor. Er war zugleich Assistent des Universitätsprofessors Franz Hofmeister, der den Lehrstuhl für Physiologische Chemie (Nachfolger von Professor Felix Hoppe-Seyler) an der Straßburger Universität inne hatte. Paul Spiro besuchte währenddessen in Straßburg das Protestantische Gymnasium, auf dem er 1910 seine Reifeprüfung ablegte. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges ging die Familie Spiro nach Basel. Dort arbeitete der Vater anfangs als Pharmakologe für die Firma Sandoz AG und ab 1921 als ordentlicher Professor für Physikalische Chemie und Direktor des Physiologisch-Chemischen Instituts an der Universität Basel. Karl Spiro starb 1932 in Wimmenau (Elsass).

Paul Spiros erste Ehefrau starb 1919 an der Spanischen Grippe. Beide hatten eine Tochter. In zweiter Ehe war Paul Spiro mit der Schweizerin Erna Gyr verheiratet. Er lernte sie in Frankfurt kennen, als sie Assistenzärztin war. Nach der Emigration in die Schweiz im August 1933 leitete sie eine Kinderklinik in Davos (Schweiz). Paul Spiro und Erna Gyr hatten drei Kinder.

Beruflicher Werdegang
Therapie der Tuberkulose. Herausgegeben von Prof. Dr. Joseph Berberich und Dozent Dr. Paul Spiro. Band 1. A.W. Sijthoff's Uitgeversmaatschappij N.V. Leiden 1937.

Nachdem Paul Spiro am Protestantischen Gymnasium Straßburgs 1910 die Reifeprüfung abgelegt hatte, studierte er an den Universitäten in Straßburg im Elsaß und München Medizin. 1913 hat er die ärztliche Vorprüfung und 1917 das ärztliche Staatssexamen abgelegt. Im Januar 1918 folgte die Promotion an der Universität Straßburg. Mit Beginn des Ersten Weltkrieges diente er an der Westfront als Feldunterarzt. Er hat das Eiserne Kreuz II. Klasse für seine Arbeit vor Verdun im März 1916 erhalten. Danach war er Garnisonsarzt der Festung Straßburg und zugleich Assistent am Pathologischen Institut der Universität Straßburg. Die darauf folgende Zeit beschreibt er in einem Lebenslauf aus dem Jahr 1928 so:

"Nach Beendigung des Krieges und nach dem Einfall der Franzosen in das Elsass begab ich mich mit meinem Vater in die Schweiz, wo ich an der Medizinischen Klinik von Herrn Professor [Rudolf] Staehelin und am Physiologisch-chemischen Institut meines Vaters praktisch und theoretisch gearbeitet habe."

Anfang 1922 ging Dr. Paul Spiro nach Frankfurt am Main und arbeitete zuerst als Volontär, dann als Assistent an der Medizinischen Klinik von Professor Gustav von Bergmann, einem bedeutenden Internisten, der 1933 an der Berliner Charité dafür sorgte, dass alle jüdischen Ärzte entlassen wurden. Ab Oktober 1925 wirkte Paul Spiro als Oberarzt an der Medizinischen Universitäts-Poliklinik unter Professor Julius Strasburger.

Im November 1928 habilitierte sich Dr. Paul Spiro an der Universität Frankfurt am Main im Fach Innere Medizin, Lungentuberkulose. Seine öffentliche Antrittsvorlesung folgte im Januar 1929. Er sprach darin "Über den Arthritismus". Danach wirkte er als Privatdozent an der Universität und blieb Oberarzt an der Poliklinik. Ende 1929 beantragte die Universität Frankfurt beim Preußischen Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung einen unbezahlten Lehrauftrag für Paul Spiro, um ihn für die Tuberkulosebekämpfung gewinnen zu können. In dem Antrag heißt es über ihn:

"Derselbe erscheint seiner ganzen Persönlichkeit nach so wie auf Grund seiner langjährigen ärztlichen Tätigkeit und seiner wissenschaftlichen Arbeiten in Tuberkulosefragen besonders geeignet für diese so wichtige Aufgabe."

Im März 1930 folgte die Beauftragung Dr. Spiros durch das Ministerium, ab Sommersemester 1930 in der medizinischen Fakultät die Lungentuberkulose in Vorlesungen und soweit nötig in Übungen zu behandeln. Tatsächlich hat er laut der Vorlesungsverzeichnisse der Frankfurter Universität zum Beispiel im Wintersemester 1931/32 über "Konstitutionspathologie" und zusammen mit dem außerordentlichen Professor Dr. Philipp Schwartz über "Probleme moderner Tuberkuloseforschung" gelesen. Obwohl Paul Spiro evangelisch war, wurde ihm wegen seiner jüdischen Vorfahren nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten im Jahr 1933 dieser Lehrauftrag entzogen.

Rolle in der Sektion

Dr. med. Paul Spiro wurde im Oktober 1931 Mitglied der Sektion Frankfurt am Main des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins. Er war von drei Personen empfohlen worden, und zwar von Wilhelm Schloßmacher, der bereits seit 1911 Mitglied der Sektion gewesen ist und damals als Geschäftsführer der Berufsgenossenschaft der Chemischen Industrie tätig war, von Syndikus Heinrich Josef Schloßmacher, bei dem nicht ermittelt werden konnte, wann er in die Frankfurter Sektion eingetreten ist, und von Dr. med. Heinrich Lampert, Privatdozent an der Universität Frankfurt für Innere Medizin, also einem Fachkollegen, der 1923 in die Frankfurter Sektion eingetreten war.

Ob und wie Paul Spiro am Frankfurter Sektionsleben teilgenommen hat, entzieht sich bisher mangels aussagekräftiger Quellen unserer Kenntnis. Ebenso bleibt unklar, ob er vor seiner Emigration in die Schweiz im August 1933 aus der Sektion ausgetreten ist oder wegen seiner jüdischen Eltern von der Leitung der Sektion ausgeschlossen wurde. Als "Frontkämpfer" des Ersten Weltkriegs hätte er trotz Einführung des sogenannten "Arierparagraphen" in der Sektion verbleiben können.

Nach Auskunft von einer Enkelin Paul Spiros hat er nach seiner Emigration zahlreiche Berge in der Schweiz mit seinem jüngeren Sohn bestiegen. Dies tat er auch, um der erzwungenen Untätigkeit zu entgehen, die ihm das Schweizer Verbot, als Arzt tätig zu sein, auferlegte.

Verfolgungsschicksal
Porträt der Tante Assia Spiro, geb. Rombro. Carl Max Rebel, 1897. Quelle: Wikimedia Commons.

Dr. Paul Spiro war seit 1931 Chefarzt und Leiter der Tuberkuloseberatungsstelle Frankfurt, zugleich Privatdozent an der Universität Frankfurt für Innere Medizin und Geschäftsführer der Akademischen Krankenkasse der Universität Frankfurt. Weil er aus einer jüdischen Familie stammte, durfte er diese Funktionen nicht weiter ausüben. Beispielsweise kündete die Landesversicherungsanstalt Hessen-Nassau (LVA) das Angestelltenverhältnis mit ihm als Leiter der Tuberkuloseberatungsstelle zum 1. August 1933, da er trotz seines Status  als sogenannter "Frontkämpfer" im Ersten Weltkrieg nicht mehr weiterbeschäftigt werden durfte. Laut eines Vermerks in einer Akte im Hessischen Hauptstaatsarchiv Wiesbaden heißt es hierzu:

"In der Person des Dr. Paul Spiro hat kein Grund zur Kündigung gelegen. Der Vorstand der L.V.A. hat ihm im Gegenteil ehrende Zeugnisse ausgestellt, die vertragsmäßige Pension bewilligt und sie auch, nachdem Spiro mit behördlicher Genehmigung Aufenthalt in der Schweiz genommen hatte, bis zum 1. Aug. [19]37 ausbezahlt. [...] Am 5. April 1938 teilte die L.V.A. Herrn Spiro mit, daß der Reichs- und preußische Arbeitsminister die Zustimmung zum Aufenthalt in der Schweiz über den 1. Aug. 37 hinaus abgelehnt habe und die Pensionsbezüge von da an ruhten. [...] Es besteht kein Zweifel, daß Dr. Paul Spiro nur aus Gründen der Rasse Stellung, Gehalt und Pension verloren hat."

Tatsächlich konnte Paul Spiro in der Schweiz in der bereits 1922 gegründeten "Alpinen Kinderklinik" in Davos nur als "Volontär" arbeiten, weil er das schweizerische Ärztediplom nicht besaß und daher nicht als Arzt arbeiten durfte. Diese Kinderklinik wurde von seiner Ehefrau Erna Gyr geleitet.

Paul Spiros 1894 geborener Bruder Peter Spiro wurde im Mai 1944 bei Cranves-Sales (Savoyen), in der Nähe der französisch-schweizerischen Grenze, von Deutschen ermordet. Ihre im Jahr 1862 geborene Mutter Rosalie Spiro, geb. Barschall, verblieb auch nach dem Tod ihres Mannes in der Schweiz und starb dort 1936 im Alter von 74 Jahren. Sein Onkel Friedrich Spiro konnte noch 1939 zusammen mit seiner Ehefrau Assia Spiro-Rombro ebenfalls in die Schweiz auswandern. Allerdings ist der Onkel bereits im folgenden Jahr verstorben.

Quellen und Literatur

Universitätsarchiv Frankfurt am Main, UAF Abt. 4, Nr. 1739 und Abt. 14, Nr. 2305

Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, HHStAW Abt. 518, Nr. 65457

Therapie der Tuberkulose. Hrsg. von Prof. Dr. Joseph Berberich und Dozent Dr. Paul Spiro. A. W. Sijthoff"s Uitgeversmaatschappij N.V. Leiden 1937.

Udo Benzenhöfer: Die Frankfurter Universitätsmedizin zwischen 1933 und 1945. Münster/Ulm 2012, online abrufbar.

Aldo Corcella: Grecità e musica. Friedrich Spiro (1873-1940) e Assia Rombro (1873-1956). Potenza 2021, online abrufbar.

Karl Spiro [Vater Paul Spiros]. In: Martha Fischer: Lebendige Verbindungen. Biobibliographisches Lexikon der Biochemiker zwischen Deutschland und Russland im 19. Jahrhundert. Aachen 2013, S. 178-180.