„In den Ferien, die wir meistens in den Monaten Juli oder August nahmen, waren außer der Schweiz die bayerischen und österreichischen Alpen bis 1933 unsere Hauptziele[...]“
Max Hermann Maier
„In uns verwoben tief und wunderbar“. Erinnerungen an Deutschland. Verlag Josef Knecht: Frankfurt/Main 1972, S. 156.
Familie
Hans und Max Hermann Maier (v.l.) als Schüler. Foto von Margaret West, abgedruckt in: Eckhardt 2020, S. 40.

Max Hermann Ernst Maier ist der jüngere Sohn von Hermann Heinrich Maier (1855-1926) und Caecilie Maier, geb. Scheyer (1867-1922). Sein in Frankfurt geborener Vater war Schüler des Philanthropin, der wichtigsten jüdischen Schule in Frankfurt. Er absolvierte eine Banklehre bei dem jüdischen Privatbankier Emil Ladenburg in seiner Geburtsstadt und leitete von 1886 bis 1912 die dortige Filiale der Deutschen Bank. Hermann Heinrich Maier stammte aus einer orthodoxen Familie. Er war demokratisch und pazifistisch orientiert, Mitbegründer des Verbandes für internationale Verständigung und im Ersten Weltkrieg Mitglied des Bundes Neues Vaterland. Außerdem ist er zum Beispiel Aufsichtsratsmitglied der Aktienbaugesellschaft für kleine Wohnungen in Frankfurt gewesen, für die später auch Max Hermann Maier als Jurist gewirkt hat.

Max Hermann Maiers Mutter stammte ebenfalls aus Frankfurt. Deren Vater Daniel Scheyer ist im Frankfurter Adressbuch aus dem Jahr 1877 mit einem Bankgeschäft im Oederweg 19 verzeichnet. Ihre Mutter Mina (auch Minna Rosette) Scheyer, geb. Schwarzschild, lebte von 1841 bis 1926 in Frankfurt. Deren Vater Enoch Schwarzschild ist im Frankfurter Adressbuch von 1868/69 als Kaufmann und mit der Firma Schwarzschild-Ochs (1877: Tülle, Spitzen und Blonden, am Rossmarkt) verzeichnet. Im Aufsichtsrat der Firma Schwarzschild-Ochs A.G. saß später Max Hermann Maier.

Auch Caecilie Maier war demokratisch und pazifistisch eingestellt. Laut dem älteren Bruder Hans Maier war die jüdische Mutter nicht orthodox, sodass es öfter religiös bedingte Konflikte zwischen den Eltern sowie zwischen dem Vater und seinen Söhnen gab.

Max Hermann Maier wuchs in einer Familie auf, in der viel gewandert wurde:

"Beide Eltern waren ausdauernde Wanderer. Wir haben mit ihnen als kleinere Jungens Taunus, Odenwald, Schwarzwald, Eifel und Harz durchwandert und als größere ein gutes Teil der Schweizer Pässe, über die damals kein Auto fuhr, nur die Pferdepost. Grimsel, Furka, Klausen, Gemmi, Brünig, Große und Kleine Scheidegg waren unsere Routen. Wir zogen mir Rucksäcken los, aus denen wir tagsüber lebten, und haben mit einfachen Quartieren vorlieb genommen" (Maier 1972, S. 31).

Sein Bruder Hans erinnerte sich 1937, dass die Familie 1902, als Max 11 Jahre alt war, den Brünig-Haupt bestiegen hat, 1905 in Lenzerheide und dem Engadin unterwegs war und im folgenden Jahr über den Col de Balme ins französische Chamonix gewandert ist (Eckhardt 2020, S. 42). Im Sommer 1909 sind die Brüder Hans und Max Hermann vom Höllenthal aus auf die Zugspitze geklettert.

Ein Jahr darauf hat Max Hermann Maier am Lessing-Gymnasium in Frankfurt das Abitur abgelegt. Danach begann er ein Studium der Rechtswissenschaften und Nationalökonomie, das ihn nach Freiburg im Breisgau, München, Berlin und Kiel führte. Der zweisemestrige Studienaufenthalt in München brachte ihm weitere Bergerfahrungen. Im Winter lief Max Hermann Ski in den bayerischen und österreichischen Alpen, etwa im März 1911:

"Kitzbühel war damals kein moderner Kurort. Jungens und Mädchen waren in zwei großen getrennten Räumen untergebracht, ohne Heizung und fließend Wasser. Wir wuschen uns aus großen Schüsseln einmal am Abend im Freien. Auf das Kitzbühler Horn ging noch kein Skilift; wir wanderten wiederholt hinauf und genossen die wunderbaren Abfahrten, bei denen wir meistens die erste Spur fuhren" (Maier 1972, S. 42).

Im Sommer 1911 war er im Gebirge unterwegs:

"Ich habe leidenschaftlich gern Hoch- und Klettertouren im Wettersteingebirge unternommen. Die Zugspitze, auf die damals auch noch keine Bahn ging, habe ich von allen Seiten mehrmals bestiegen. Auch den großen Waxenstein, die Dreitorspitze und die Alpspitze habe ich erklettert" (Maier 1972, S. 44).

Max Hermann Maier hat im Mai 1920 die Chemikerin Dr. Mathilde Wormser, genannt Titti, geheiratet. Die religiöse Trauung erfolgte durch den befreundeten Frankfurter Rabbiner Dr. Jakob Horovitz (1873-1939). Die Ehe war kinderlos.

Beruflicher Werdegang
Max Hermann Maier (4.v.l.) als Soldat, ca. 1917, mit seinem Bruder Hans, der Schwägerin Anna und der Nichte Hanni in Frankfurt. Foto von Margaret West, abgedruckt in: Eckhardt 2020, S. 75.

Das Studium hat Max Hermann Maier in Kiel im Jahr 1913 mit der Ablegung des Referendarexamens abgeschlossen. Er wechselte dann zur weiteren Ausbildung an das Amtsgericht Herborn und hat währenddessen an seiner Promotion gearbeitet. Im August 1914 meldete er sich als Kriegsfreiwilliger. Nach kurzer Zeit in Hanau und Darmstadt kam er ans 6. Dragoner-Regiment in Mainz. Max Hermann Maier hat als Soldat der Kavallerie zuerst in Ostpreußen gekämpft. Dort erhielt er das Eiserne Kreuz II. Klasse. Anschließend war er in Polen, Litauen und Kurland eingesetzt. Er wurde 1915 zum Unteroffizier befördert, dann Ende 1917 in Frankreich zum Leutnant der Reserve, damals bereits als Infanterist. An der Westfront blieb er bis November 1918.

Nach dem Ersten Weltkrieg ging er nach Frankfurt und war als Referendar zuerst am dortigen Landgericht tätig. 1920 hat Max Hermann Maier an der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Köln sein Doktorexamen abgelegt hat, und zwar mit einer Arbeit über "Staat und Individuum im Allgemeinen Landrecht für die preußischen Staaten" bei Professor Dr. Hans Planitz. 1921 folgte das Assessor-Examen in Berlin und der Eintritt in die Frankfurter Kanzlei von Dr. Emil Benkard, dessen Sohn Dr. Georg Benkard und Dr. Gustav Spier, für die er bereits während seiner Referendarausbildung tätig gewesen war. Nach dem Tod von Emil Benkard ist sein Sohn Dr. Georg Benkard bis Dezember 1927 als Rechtsanwalt beim Landgericht Frankfurt und beim Oberlandesgericht Frankfurt zugelassen gewesen, war anschließend bis 1945 als Rechtsanwalt beim Reichsgericht in Leipzig tätig und wirkte später von 1951 bis 1953 als Richter am Bundesgerichtshof in Karlsruhe. Maier betrieb aber auch eine eigenständige Kanzlei und war u.a. für die Stadt Frankfurt juristisch tätig.

Im Juni 1921 wurde er als Rechtsanwalt am Landgericht Frankfurt zugelassen. Im Juni 1927 folgte seine Bestellung zum Notar. Max Hermann Maier war von 1921 bis 1933 Vorstandsmitglied im Frankfurter Anwaltsverein. Als ehemaliger "Frontkämpfer" konnte er nach dem 30. Januar 1933 weiter tätig sein, doch wurde ihm im November 1935 das Notariat entzogen. Letztlich erhielt er nach den Novemberpogromen wie alle verbliebenen jüdischen Rechtsanwälte Berufsverbot und wurde zum 1. Dezember 1938 aus der Anwaltsliste gelöscht, doch hatte er da bereits Deutschland verlassen.

Rolle in der Sektion Frankfurt
Max Hermann Maier in den Alpen. Foto von Margaret West

Max Hermann Maier trat der Frankfurter Sektion des DuOeAV im Jahr 1922 bei. Sein Anwaltskollege in der Sozietät Dr. Gustav Spier war bereits 1905 in die Sektion eingetreten, sodass er ihn vermutlich zur Aufnahme empfohlen hatte. Aus den bisher eingesehenen Unterlagen lässt sich nicht sagen, ob Max Hermann Maier an Veranstaltungen der Frankfurter Sektion aktiv teilgenommen hat. Auch bleibt vorerst unklar, ob er aus der Sektion ausgetreten ist oder ausgeschlossen wurde, weil noch keine Unterlagen hierzu aufgefunden werden konnten. Als sogenannter "Frontkämpfer" des Ersten Weltkriegs hätte er Mitglied bleiben können, doch ist aufgrund seiner positiven Arbeit für jüdische Verfolgte ein Austritt aus der Sektion wahrscheinlicher.

In seinen 1972 veröffentlichten Erinnerungen erwähnt er die Sektion Frankfurt nicht. Aber er beschreibt seine Bergaktivitäten in den Jahren seiner Mitgliedschaft:

"Für Titti und mich waren Wanderungen im Gebirge die schönste Erholung von der Berufsarbeit und von dem Leben in der Großstadt. Die Sonntage verbrachten wir, wenn es nur immer möglich war, im Taunus, Odenwald, Spessart, Vogelsberg oder in der besonders geliebten Rhön. […] In den Ferien, die wir meistens in den Monaten Juli oder August nahmen, waren außer der Schweiz die bayerischen und österreichischen Alpen bis 1933 unsere Hauptziele, Wetterstein, Tauern, Stubaier-, Ötztaler- und Zillertaler Alpen. Mit Rucksäcken blieben wir gern zwei bis drei Wochen auf Höhenwegen zwischen 2.000 und 3.000 Metern Höhe, von Hütte zu Hütte wandernd. Gelegentlich bestiegen wir von einer Hütte aus einen hohen Berg. Wenn es über ewigen Schnee und Eis ging, nahmen wir einen einheimischen Führer mit, weil wir uns auf diesen Urelementen nicht so sicher fühlten wie auf dem uns vertrauten Wald und Fels. Von Mittenwald aus haben wir die Arnspitze, von Hindelang aus den Iseler und den Daumen (2.280m), in den Tauern den Großvenediger (3.721m), in den Ötztaler Alpen den Similaun (3.594m) und von Saas-Fee aus das Alalinhorn (4.000m) bestiegen. Mit Vorliebe reisten wir in die Schweiz, die nach 1933 für uns ein Refugium wurde, in dem man frei atmen konnte. Doch schon vorher haben wir in Arosa das herrliche Skigelände genossen und sind auch einmal vom Egishorn aus über den riesigen Aletschgletscher recht anstrengend bei Neuschnee auf das Jungfraujoch (3.457m) hinaufgestiegen, wo wir in guter Unterkunft übernachteten und noch vor dem Eintreffen des ersten Zuges der Jungfrau-Bahn den Sonnenaufgang und den überwältigend großartigen Blick auf die Schnee- und Eiswelt und auf Gebirge und Täler genossen haben. Vom Jungfraujoch sind wir dann mit der Bahn zur Kleinen Scheidegg hinabgefahren" (Maier 1972, 156-158).

Verfolgungsschicksal
Margarete Maier, 1937. Foto von Margaret West, abgedruckt in: Eckhardt 2020, S. 172.

Als ehemaliger "Frontkämpfer" des Ersten Weltkriegs konnte Maier auch noch während der NS-Diktatur als Rechtsanwalt tätig sein. 1935 erwarb er von der englischen Landgesellschaft Paraná Plantations Ltd. 200 Alqueiren in Paraná, einem Bundesstaat in Brasilien, von denen später 86 verkauft werden mussten, um den Lebensunterhalt zu bestreiten, sodass die Farm, portugiesisch Fazenda genannt, schließlich nur 114 Alqueiren (etwa 277 Hektar) umfasste. Im Januar 1936 übernahm Max Hermann Maier neben seiner Anwaltstätigkeit die Leitung der Beratungsstelle des Hilfsvereins der Juden in Frankfurt. Er war für die Hilfe zur Auswanderung von Juden in der preußischen Provinz Hessen-Nassau, in Hessen-Darmstadt und in einigen naheliegenden Teilen der preußischen Rheinprovinz zuständig. Diese Tätigkeit führte ihn regelmäßig zu Sprechstunden nach Kassel, Fulda und Worms. Außerdem musste er in seiner Funktion als Auswanderungsberater wiederholt zur Frankfurter Gestapo. Als Anwalt war er auch in so genannte "Arisierungen" involviert, etwa bei der Schwarzschild-Ochs A.G.

Nach dem Tod seiner Schwägerin und seines Bruders Hans Maier im Jahr 1937 übernahm er die Vormundschaft für die beiden jüngeren, noch nicht volljährigen Kinder Heinrich, genannt Heiner (später Henry, geb. 1918) und Margarete, genannt Gretel (später Margret, geb. 1921). Heiner konnte im April 1938 in die USA emigrieren. Im November 1938 wanderte er mit seiner Frau Mathilde Maier und seiner Nichte Margarete über die Niederlande und Großbritannien nach Brasilien aus, wobei er seiner Verhaftung am 10. November nur durch die Hilfe von Freunden entkam.

Nachkriegszeit
Haus auf der Fazenda. Zeichnung von Mathilde Maier, abgedruckt in: Mathilde Maier 1978, S. 107.

Max Hermann Maier betrieb mit seiner Frau Mathilde ab Januar 1939 im brasilianischen Rolândia eine Kaffeeplantage zusammen mit dem bereits im April 1936 emigrierten jüdischen Landwirt Heinrich Kaphan (1893-1981) und seiner Frau Käte, geb. Manasse (1906-1995), aus Pommern. Ihre Fazenda lag am Flüsschen Jaù. Sie pflanzten auch Mais, Reis und Baumwolle an.

Max Hermann Maier war noch während des Zweiten Weltkriegs Mitglied der "Movimento dos Anti-Nazistas Alemaes do Brasil" geworden. 1945 ist die Nichte Margarethe Maier in die USA gegangen, wo ihre älteren Geschwister bereits lebten. Im Jahr 1951 wurde Maier brasilianischer Staatsbürger. Später hat er sich im Rahmen der sogenannten Wiedergutmachungsverfahren in der Bundesrepublik Deutschland für jüdische Berechtigte engagiert. 1957 ist er zusammen mit seiner Frau das erste Mal wieder nach Europa gereist und hat auch Frankfurt besucht. Beide haben darüber hinaus wiederholt in Israel frühere Freunde besucht, etwa Dr. Eugen Meyer, den Syndikus der Israelitischen Gemeinde Frankfurt von 1919 bis 1933, der bereits im Oktober 1933 nach Palästina ausgewandert war.

Margot Benary-Isbert, die mit Max Hermann Maier seit der Schulzeit in Frankfurt bekannt war, beschreibt ihn bei einem Besuch in Brasilien im Jahr 1966 wie folgt:

"Max und Titti, das merke ich schon nach wenigen Tagen, sind nicht nur für die Familien ihrer Arbeiter, sondern auch unter den Nachbarn und Freunden ein Zentrum der Hilfsbereitschaft. Max, der ehemalige Anwalt, ist auch hier "honoris causa" der juristische Berater des großen Freundeskreises. Es ist verständlich, daß es ihm Freude macht, auch auf seinem ursprünglichen Berufsgebiet noch tätig zu sein. In seinem schönen Arbeitszimmer geht es oft zu wie in einem Anwaltsbüro. Jeder in der Siedlung, der legalen Rat braucht, kommt zu ihm, und da es weit und breit kein Telefon gibt, muß eben jeder persönlich kommen" (Benary-Isbert 1968, S. 209).

1972 wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet. Schließlich ist er im August 1976 in Rolândia gestorben.

Quellen und Literatur

Center for Jewish History, New York City, Leo Baeck Institute, Max Hermann Maier Collection (AR 6136)

Max Hermann Maier: Auswanderung. In: Dokumente zur Geschichte der Frankfurter Juden 1933-1945. Hrsg. von der Kommission zur Erforschung der Geschichte der Frankfurter Juden. Verlag Waldemar Kramer: Frankfurt/Main 1963, S. 382-398 (Dokument IX 1).

Max Hermann Maier: „In uns verwoben tief und wunderbar“. Erinnerungen an Deutschland. Verlag Josef Knecht: Frankfurt/Main 1972.

Max Hermann Maier: Ein Frankfurter Rechtsanwalt wird Kaffeepflanzer im Urwald Brasiliens. Bericht eines Emigranten 1938-1975. Verlag Josef Knecht: Frankfurt/Main 1975.

Margot Benary-Isbert: …ein heiterer Abend krönt den reichen Tag. Verlag Josef Knecht: Frankfurt/Main 1968.

Mathilde Maier: Alle Gärten meines Lebens. Verlag Josef Knecht: Frankfurt/Main 1978.

Hanna und Dieter Eckhardt: „Hitler hat ihn umgebracht“. Der Sozialpolitiker Hans Maier (1889-1937). Hentrich & Hentrich Verlag: Berlin, Leipzig 2020.

Stolpersteine Max Hermann und Mathilde Maier