Familie

Gustav Spier wurde 1875 in Frankfurt am Main als zweites von sieben Kindern der Eheleute Rudolph Spier (1834-1904) und Bertha, geb. Spier (1851-1917), geboren. Seine Geschwister waren Ludwig (1872-?), Paul Rudolf (1878-1934), Arthur (1879-1939), Rosie/Rosy Gochsheimer (1884-1926), Julius Philipp (1887-1942) und Alice Julia Krijn-Spier (1892-1942).

Beide Spier-Familien stammen ursprünglich aus Alsfeld im Vogelsberg, wo es eine aktive Jüdische Gemeinde gab. Sein Vater besaß eine 1860 gegründete Portefeuillefabrik, also eine Fabrik für Geldbörsen, zuerst in der Seilerstraße, dann in der Langestraße im Hinterhof. Er wird in den Frankfurter Adressbüchern später auch als Kaufmann für Export und Kommission geführt. Die Familie Spier besaß zwei Häuser in Frankfurt. Die mütterliche Großmutter Charlotte Spier, geb. Hecht (1827-1906), lebte im Haus seiner Eltern.

Sein älterer Bruder Ludwig Spier wohnte ebenfalls in Frankfurt und verdiente seinen Unterhalt als General-Agent von Versicherungsgesellschaften. Der jüngere Bruder Julius Philipp arbeitete bis 1927 in Frankfurt bei der Metallhandelsgesellschaft Beer-Sontheimer & Co, unter anderem als Personalchef, bevor er nach Berlin ging und dort zuerst den Iris-Verlag betrieb und anschließend als Psycho-Chirologe arbeitete. Er war Schüler des Psychologen C.G. Jung.

Dr. Gustav Spier heiratete Grete Spier. Sie hatten eine Tochter namens Birgit Spier (1933-1991). Laut Heft Nr. 10 des Gemeindeblattes der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main vom Juni 1930 ist Dr. Gustav Spier aus der Israelitischen Gemeinde ausgetreten. Aus welchen Gründen dies geschah, etwa aus ökonomischen oder im Zusammenhang mit seiner Eheschließung, können wir vorerst nicht sagen.

Beruflicher Werdegang

Dr. Gustav Spier war seit April 1902 als Rechtsanwalt am Landgericht Frankfurt zugelassen. Laut Frankfurter Adressbuch von 1904 wohnte Gustav Spier in der Langestraße und hatte eine Kanzlei auf der Zeil. Er besaß bereits Telefonanschluss. Ab dem folgenden Jahr befand sich seine Kanzlei in der Börsenstraße 11. Im August 1920 ist er zum Notar ernannt worden. Ab Dezember 1927 ist er dann als Rechtsanwalt nicht mehr am Landgericht, sondern am Oberlandesgericht Frankfurt zugelassen gewesen. Nach dem Beginn der NS-Diktatur 1933 konnte er als "Altanwalt" weiter rechtsanwaltlich tätig sein, doch wurde er im Februar 1937 auf eigenen Wunsch aus der Anwaltsliste gelöscht.

Dr. Gustav Spier war später in Frankfurt in einer Kanzlei mit Dr. Emil Benkard und dessen Sohn Dr. Georg Benkard tätig. In diese Kanzlei trat auch Dr. Max Hermann Maier ein. Dieser schrieb, dass Spier "ein vorzüglicher Praktiker war, bei dem sich die Klientel mit Recht gut aufgehoben fühlte" (Maier 1972, S. 126). Gustav Spier war zudem Mitglied der Prüfungskommission für das Referendarexamen in Frankfurt und hat auf Wunsch der Prüfungskommission wie die anderen Sozien der Kanzlei gelegentlich einfache, aber lehrreiche Fälle aus ihrer Praxis etwas abgewandelt als Prüfungsaufgaben eingereicht.

Rolle in der Sektion

Dr. Gustav Spier ist der Sektion Frankfurt am Main des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins im Jahr 1905 beigetreten. Aus den bisher eingesehenen Unterlagen lässt sich nicht erkennen, ob er aktiv an Veranstaltungen der Sektion teilgenommen hat. Anders als Prof. Dr. Karl Herxheimer, der im selben Jahr eingetreten war, erhielt Dr. Spier laut Nachrichten-Blatt Nr. 3 vom März 1930 auf der Jahreshauptversammlung 1930 nicht das silberne Abzeichen für 25-jährige Mitgliedschaft.

Im Mitgliederverzeichnis der Frankfurter Sektion aus dem Jahr 1924 ist Gustav Spier noch verzeichnet. Daher muss momentan davon ausgegangen werden, dass er nach 1924, aber vor März 1930 aus der Sektion ausgetreten ist, eventuell im Zuge der Weltwirtschaftskrise. Der zweite Schriftführer Wilhelm Schneider sagte auf der Jahreshauptversammlung am 12. März 1930, dass nach mehreren Jahren mit Zuwachs, 1929 ein Rückgang um 77 Sektionsmitglieder zu verzeichnen war. "Dieser Rückgang ist, wie viele Austrittserklärungen erkennen lassen, auf die wirtschaftliche Not zurückzuführen, in der sich unser deutsches Volk befindet."

Verfolgungsschicksal

Dr. jur. Gustav Spier konnte als "Altanwalt", also als vor 1914 zugelassener Rechtsanwalt, auch noch nach Januar 1933 seinen Beruf ausüben. Doch wurde ihm im Juni 1933 das Notariat entzogen. Schließlich ist er auf eigenen Antrag im Februar 1937 aus der Anwaltsliste gestrichen worden. Vermutlich ist Dr. Spier danach mit seiner Ehefrau und der Tochter ausgewandert.

Sein Bruder Julius Philipp Spier emigrierte im Januar 1939 nach Amsterdam, wo seine Schwester Alice Julie Krijn-Spier seit mindestens 1921 wohnte. Alice Julie wurde im August 1942 im Vernichtungslager Auschwitz ermordet, während Julius Philipp im September 1942 in Amsterdam kurz vor seiner Deportation aufgrund einer Krebserkrankung verstarb.

Quellen und Literatur

Max Hermann Maier: "In uns verwoben tief und wunderbar". Erinnerungen an Deutschland. Verlag Josef Knecht: Frankfurt/Main 1972.

Wolfgang Spier: Dabei fällt mir ein... Lebensgeschichten. Henschel Verlag: Berlin 2004.

Nachrichten-Blatt der Sektion Frankfurt am Main